Caspar David Friedrich Männer betrachten den Mond

Lang und beschwerlich war der Weg durch die Wälder der Kreidefelsen gewesen. Nur der Mond hatte ihnen den Weg geleuchtet, dennoch stolperten sie das eine oder andere Mal über die Baumwurzeln. Der junge Richard stützte beim Erreichen des Aussichtspunktes zufrieden seine Hände in die Seiten und liess einen langen Seufzer aus seinem Körper fahren. Eine Windböe antwortete ihm augenblicklich mit dem salzigen Geruch des Meeres. Der Mond stand hoch oben am Himmel und liess das Meer silbern erstrahlen. Richard drehte sich zu seinem Vater, der sich mit einer Hand an einem der knorrigen Bäume festhielt und seinem Sohn ernst ins Gesicht blickte. «Dieser Ausblick ist der Lohn für den beschwerlichen Aufstieg, lieber Herr Vater. Mein Herz ist voller Freude und Dankbarkeit, dass ich diesen wundervollen Moment mit Euch teilen darf.» Der Vater liess den Laubbaum, welcher sein Blätterkleid bereits dem Wind übergeben hatte, los und stellte sich gerade und fest neben seinen Sohn, um ebenfalls auf das Meer und den Mond zu blicken. Die Luft war kalt und klar. Sie sahen die Sterne funkeln. «Die Nymphen des Meeres werden mir meinen Weg zeigen. Bitte glauben Sie mir, Herr Vater. Mit der Kraft des Mondes werde ich es schaffen. Die Wesen der Nacht werden mir helfen, aus meiner Kunst Geld werden zu lassen.», «Hörst du dir eigentlich zu, Junge?! Langsam weiss ich mit dir nicht mehr weiter. Warum kannst du nicht normal sein und endlich einsehen, dass hinter dem Mond, der Dunkelheit und dem Meer nichts weitersteckt, als das, was wir bereits sehen können? Deine Träume sind nicht wichtig! Gib sie heute Nacht dem Meer zurück. Das verlange ich von dir. Mit dem Kindsein muss nun Schluss sein!» Richard flossen lautlos Tränen die Wangen herab. Sein Vater tat so, als sähe er dies nicht. «Ist Ihr Herz so erkaltet, dass es bei diesem Anblick keine Regungen spüren kann? Man kann mir nichts vorwerfen. Ich arbeite und bringe mich ein. Wir Musiker sind aus eben diesem Holz geschnitzt. Ohne den Kontakt zu den fabelhaften Wesenheiten dieser Welt könnte ich keinen Ton aus meiner Flöte hervorbringen.» Der Vater räusperte sich. «Kannst du nicht einfach wie die anderen auch, einfach die Noten vom Blatt abspielen, deinen Lohn einkassieren und es dabei belassen? Was soll dieser Märchen Firlefanz? Ich kann dem nichts abgewinnen. Deine liebe Frau Mutter würde sich im Grabe umdrehen.» Richard beugte sich leicht in Richtung seines Vaters. Er starrte auf das Meer und schaute dem Wellengang im Mondlicht zu oder waren es die Töchter des Meeres, die ihren Reigen tanzten? Richard richtete sich mit einer tiefen Einatmung auf, den Kopf gen Himmel geneigt, öffnete er seine Arme. «Vater. Mutter tanzt dort unten mit den anderen Schönen, ein Hauch aus Silber. Dein Herz ist verschlossen, du kannst sie nicht sehen.» Dem Vater grauste es. Er schüttelt den Kopf. «Junge, ich sehe die Schönheit der Natur. Wir leben in einer Zeit, in der die Wissenschaft unser Leben prägt. Alles ist erklärbar. Der Körper deiner Mutter hat sich längst in Erde verwandelt. Vor uns erstrahlt der Mond. Die Gelehrten haben erkannt, dass er das Licht der Sonne reflektiert, nichts anderes. Der Wind peitscht das Meer auf, wir sehen diese Bewegung. Ich bin ein beschäftigter Mann und für deine Hirngespinste habe ich keine Zeit. Wir gehen zurück.» Richard blieb stehen. Die Arme hingen nun locker neben seinem Körper. Er hörte eine Elfe des Waldes, die ihm etwas ins Ohr flüsterte. Das Knacken der Äste hinter ihm verriet ihm, dass sein Vater, ohne auf ihn zu warten, bereits den Heimweg angetreten hatte. Es gab für ihn nur zwei Möglichkeiten. Er starrte auf die tanzenden Wesen des Meeres. Wie die Luft wurde es ihm immer klarer. Entweder würde er zwei weitere Schritte nach vorn schreiten und für immer ein Teil dieser nebulösen Gesellschaft sein oder er würde es wagen, seine wenigen Habseligkeiten zu einem Päckchen zu schnüren und seine Heimatstadt für immer zu verlassen. Sich auf den Weg machen, seinesgleichen zu finden. Als Musikant würde er überall Arbeit finden. Dass sein Vater sich nicht einmal die Mühe gegeben hatte, ihn zu verstehen, schmerzte ihn in seiner Brust. Die Verlockung, all diesen starken Gefühlen für immer ein Ende zu setzen, wurde stärker und stärker. Langsam setzte er seinen rechten Fuss nach vorn in Richtung Klippe. Da hörte er wieder die leise Stimme der Waldelfe. «Gib noch nicht auf. Dein letztes Stündlein hat noch nicht geschlagen.» Er nahm den Fuss zurück, da ertönte ein Raunen vom Meer. Richard. Sie riefen ihn. Mutter. Wir könnten für immer zusammen sein, gerettet vor der Eiseskälte dieses Mannes. «Richard. Noch nicht. Die Welt ist gross. Höre nicht auf die Töchter des Erlkönigs. Komm mit mir in den Wald. Richard. Komm mit mir tiefer und immer tiefer in den Wald hinein. Richard, folge mir.» Er drehte sich um und tat, was die Elfe ihm geheissen hatte. Ihm war klar, wenn er sich jetzt umdrehen würde, um noch einen einzigen Blick dem Mond und den Schönen auf dem Meer zu schenken, wäre es um ihn geschehen. Also folgte er ihr. Kein einziges Mal stiess er sich an einer Wurzel, lautlos glitt er immer tiefer durch den Wald. Er verliess den Pfad und folgte der inneren Stimme. Lange war er so gelaufen. Ruhig und stoisch. Schritt für Schritt. Bis er vor einer kleinen windschiefen Hütte stand. Vor der Tür erwartete ihn eine kleine, alte Frau. Sie winkte ihn zu sich und öffnete das Türchen. Aus dem Haus strömte ein schwaches, warmes Licht. Er trat über die Schwelle in die Wärme.

 

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