Bochum: Polizei schießt 12-jährigesMädchen nieder - "Zustand kritisch,aber stabil"
Text zu einem Artikel von EuroNews mit demselbigen Titel
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Bebende Körper. Finger, die sich durch die Kleidung in die Haut bohrten. Tränen, die sich miteinander vermischten. Ihre Herzen beruhigten sich allmählich und fanden einen gemeinsamen Rhythmus. Nur langsam begann sich die kleine Azra zu beruhigen. Das Schluchzen der Tochter, welches ihren Körper erzittern ließ, ging direkt in den ihrer Mutter über. Nie wieder wollte sie sich von ihrem Kind trennen. Sie strich der Kleinen kräftiger, als sie es eigentlich wollte, über den Kopf. Auch sie konnte nicht aufhören zu weinen. Immer wieder drückte sie Azra dicke Küsse ins Gesicht, während sich die Kleine fest um ihre Mutter geschlungen hatte, mit der Vorstellung, dass sie diese Umarmung nie wieder lösen würde.
Nun waren sie wieder vereint. Sie hatte doch nur ihre Mutter in einem Land, das nicht ihres war. In dem sie nicht gewollt wurde. Sich gehasst fühlte. Niemanden verstand. Sie verstand sowieso niemanden, denn sie hatte die Gehörlosigkeit ihrer Mutter geerbt. In der Einrichtung, in der man sie untergebracht hatte, kam manchmal eine Frau, die sich mit ihr in Gebärdensprache unterhielt, ansonsten fühlte sie sich wie auf einem fremden Planeten. Den Geruch der Inobhutnahmestelle konnte sie nicht ausstehen. Die Frauen, die ihr lieblos das Essen bereitstellten, kotzten sie an, ebenso die anderen Jugendlichen, die mit ihr dort eingesperrt waren. Sie hatte nicht verstanden, warum man sie von ihrer Mutter getrennt hatte. Hatten sie etwa vor ihre Mutter zurück nach Serbien zu schicken, wo sie auch niemanden hatte? Ihre Mutter war doch ohne sie verloren. Wer würde sich um sie kümmern?
Ihr Hals fühlte sich zugeschnürt an, sie bekam kaum Luft, doch sie zwang sich, tief einzuatmen, denn sie wollte den Geruch ihrer Mutter nie vergessen. Die Mama begann im Bett leicht hin und her zu schaukeln und eine Melodie zu summen, die nur die Spinnen im Raum hören konnten. Azra spürte das Vibrieren in der Brust der Mutter und endlich war sie, auf dem nassgeweinten Pullover, eingeschlafen.
Sie war unendlich stolz auf ihre mutige, große, kleine Tochter. Wieder einmal hatte sie es geschafft. Azra war alles, was ihr geblieben war. Ihre einzige Freude im Leben. Ihr Sonnenschein. Sie sog den Duft der Haare ihres Kindes tief durch die Nase ein. Wenn sie Azra doch noch einmal als Säugling in sich tragen könnte, um einen neuen, sicheren Ort für beide zu finden, an dem sie für immer zusammen sein könnten, ohne Angst davor haben zu müssen, dass ihnen jemand gewaltvoll begegnen würde. Ein Ort, der ihnen Wärme schenkte, genug Nahrung, sauberes Wasser zum Trinken und, um sich waschen zu können. Der Schwindel überkam sie, als sie sich bewusstwurde, dass sie kommen würden, um ihr ihre Tochter erneut zu entreissen.
Wo würden sie Azra hinbringen? Warum verweigerte man ihr den Kontakt zu ihr? Sollte sie ohne ihre Tochter abgeschoben werden? In ein Land, in dem ihr gehörloser Körper nur den Wert eines Fleischstücks hatte. Sie wollte sich schon oft das Leben nehmen, aber da war immer Azra. Sie durfte nicht aufgeben. Für Azra. Sie verstand das System in Deutschland nicht, hatte niemanden, der es ihr erklärte. Aber sie hatte so eine Ahnung, dass die Wiedervereinigung von Mutter und Tochter nicht für lange Zeit möglich war. Azra war abgehauen und die Mutter wusste, dass den Deutschen Ordnung sehr wichtig war. Sie würden ihr nicht einfach ihre Tochter überlassen. In Serbien hätte man ihr die Tochter weggenommen, um sie zu verkaufen. Sie wäre eine Sklavin und Sexpuppe geworden für einen der zahllosen, widerlichen Patriarchen, die ihr Land, die ganze Welt, fest im Griff haben. War es also besser, getrennt von ihr zu sein, mit dem Wissen, dass sie täglich eine warme Mahlzeit bekam und ein warmes Bett? Aber Azra war etwas Besonderes. Ihr Wille war unzerstörbar, genauso wie ihre Liebe zueinander. Sie waren Mutter und Tochter, mehr noch. Sie waren füreinander Heimat, ihr Zuhause, ihre Erinnerung, Hoffnung. Würden sie eine gemeinsame Zukunft haben? Sie tat kein Auge zu. Sie summte ein Lied, um die Kleine zu beruhigen. Ihr Körper zitterte so heftig, dass sie Azra mit aller Kraft festhalten musste. Langsam spürte sie, wie sich ihre Herzen verbanden. Azra schlief ein, was sie ebenfalls beruhigte, und nun schwebte auch sie auf einer Wolke der Geborgenheit.
Ihre Welt ist still, selbst beim lautesten Schrei. Stille. Immer Stille. Die Mutter nahm ein Beben des Bodens war. Etwas hatte sich verändert. Es fühlte sich bedrohlich und groß an. Sie bekam Angst. Schon als Kind hatte sie gelernt, sich unsichtbar zu machen, still und leise zu sein. Ein Schatten, der ihr oft das Leben gerettet hatte. Sie vor männlicher Gewalt bewahrt hatte. Sie roch diese Bedrohung im Schlaf. Nun war sie wieder da. Stand vor ihrer Tür. Sie wusste genau:
Der kurze, friedliche Moment der Zweisamkeit fand nun sein Ende. Wieder dieses Stechen in der Brust. Diese Krämpfe. Die Angst. Die Verzweiflung. Der Schwindel. Hilfe!!! Die Mutter hielt ihre Tochter noch stärker fest, als könne sie dem Unausweichlichen entgehen. Gemeinsam zu einem großen Schatten werden. Niemand sollte ihr das Kind wegnehmen. Alles, was sie hatte. Sie brauchten sich doch. Die Gedanken wurden immer schneller. Ihr wurde schwindelig, sie hatte begonnen zu hyperventilieren, ohne es zu merken, war sie in eine Panikattacke gerauscht. Handlungsunfähig. Die Augen weit aufgerissen, schnappatmend. Das hatte Azra gemerkt. Sie musste sich um ihre Mutter kümmern, auch sie fiel in Panik. Was war geschehen?
Das Kind mit feinen Antennen ausgerüstet, um in dieser menschenfeindlichen Welt zu überleben, spürte nun ebenfalls das Beben des Bodens. Sie waren da! Gekommen, um sie zu holen. Wie eine Schwerverbrecherin. Sie gab ihrer Mutter einen Kuss und schlich auf Zehenspitzen zur Wohnungstür und nahm all ihren Mut zusammen, um durch den Spion zu schauen. Es war schlimmer, als sie gedacht hatte. Dort standen nicht die deutschen Tanten mit ihren Wollpullovern und Glitzerohrringen. Da standen maskierte, schwerbewaffnete Polizisten. Sie waren sicher gekommen, um sie und ihre Mutter getrennt einzusperren.
Was hatte sie denn nur getan? War es verboten, mit seiner Mutter zusammen zu sein? War ihre Existenz so schrecklich, dass sie nicht in Freiheit leben durfte? Hatten die Deutschen Angst vor ihr? Blitze fuhren ihr durch den ganzen Körper. Nein! Nicht noch einmal! Sie würde ihre Mutter verteidigen. Niemand würde sie jemals wieder von ihrer Mutter trennen! Niemand! Auch keine maskierten Männer mit Waffen. Sie rannte in die Küche, holte sich die größten Messer, die sie finden konnte. Jetzt ging alles ganz schnell. Ihre Mutter hatte die Tür geöffnet. Azra wusste, dass die Polizisten sie nicht verstehen würde, sie wollte ihre Mutter beschützen, ihre Familie verteidigen und so sprang sie, brüllend, mit beiden Messern voran direkt in den Hagel aus Kugeln und Blitzen. Lautlos sank ihr kleiner Körper zu Boden. Die Schreie ihrer Mutter, die nur die Männer hören konnten.
In ihr, bebende Stille.
Stille.
Für immer: Stille.